“Mandat des Himmels” in Gefahr: Trump setzt republikanische Basis in Brand

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“Jesus loves you”, hat eine Studentin aus Wisconsin auf das Herz geschrieben. Möglicherweise verspielt Trump gerade die Liebe der Christen mit seiner Syrien-Politik.

(Foto: REUTERS)

Sonst kann Trump machen, was er will, die Christen stehen als Kernwähler zu ihm. Doch nun lässt der US-Präsident Glaubensbrüder in Syrien im Stich und die Basis zürnt wie noch nie seit seinem Amtsantritt. Vor allem die Evangelikalen sehen “das Mandat des Himmels” in Gefahr.

Wenn es einen Grund gibt, warum bislang nichts und niemand US-Präsident Donald Trump politisch dauerhaft etwas anhaben konnte, dann ist es eine republikanische Wählerbasis, die sich nicht viel um Twitter, diplomatische Gepflogenheiten und Ermittlungen wegen Wahlbeeinflussung schert. Ein Teil bejubelt sogar seine unangenehmsten Eigenheiten, da Trump damit die verhassten Demokraten in Schach hält: “He owns the libs”, die Liberalen. Doch die Treue dieser Basis wird nun auf eine harte Probe gestellt – wegen Syrien.

Eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten und hochrangiger Republikaner haben die Entscheidung des Präsidenten, die US-Truppen aus Nordsyrien zurückzuziehen, scharf kritisiert. Der sonst so versteinert wirkende Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell. Der prominente Senator Marco Rubio. Sogar einer von Trumps größten Verfechtern, Senator Lindsay Graham, verurteilte den Schritt. Doch etwas abseits der machtbewussten Abgeordneten und Senatoren in Washington, vielleicht noch gravierender für Trump, hat dessen Alleingang noch etwas ausgelöst. Es rumort und brodelt an der christlichen Basis, deutlich hörbar.

Einflussreiche Christen drohen Trump damit, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Der ultrakonservative Pat Robertson etwa sagte, er sei “völlig entsetzt”. Erdogan sei ein Bandit und ein Diktator und ihn als Verbündeten der USA zu bezeichnen, zudem Schwachsinn. Robertson wurde noch deutlicher: “Der Präsident der zuließ, dass (der Journalist Jamal) Khashoggi ohne jegliche Folgen in Stücke geschnitten wurde, lässt nun zu, dass Christen und Kurden von den Türken abgeschlachtet werden.” Falls dies geschehe, laufe Trump Gefahr, den “Auftrag des Himmels” zu verlieren.

Seit Jahren steigt der Anteil derer in den USA, die sich keiner Religion mehr zugehörig fühlen. Die Christen fühlen sich in ihrer gesellschaftlichen Rolle bedroht. Bislang sahen sie in Trump ihren Vorkämpfer gegen die fortschreitende Säkularisierung. Nun entzieht dieser, so der Grundton der Kritik, anderen Gläubigen die Unterstützung. Rund 70 Prozent der US-Amerikaner sind Christen, ein Viertel sind Evangelikale, die fast geeint hinter Trump stehen. Fast zwei Drittel der Republikaner gaben dem Pew Meinungsforschungsinstitut an, Religion sei sehr wichtig für sie. Die meisten von ihnen sind diese Christen: Katholiken, Protestanten, Evangelikale. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2014, neuere sind nicht verfügbar.

“Fundamentaler Konflikt” mit Islam

Christen sind die absolute Kernwählerschaft der Republikaner. Solch offene Angriffe wie jetzt hat es in dieser Form seit Trumps Amtsantritt noch nicht gegeben. Es zeigt, wie brüchig die Allianz geworden ist, die der Präsident mit der konservativen Partei geschmiedet hat. Trump muss in seiner “großen und unvergleichlichen Weisheit”, wie er twitterte, womöglich doch mehr darauf achten, was er macht. Schließlich will er wiedergewählt werden im nächsten Jahr, und die Grundvoraussetzung dafür ist, dass er seine Basis zusammenhält.

Eine weitere Umfrage macht noch besser verständlich, warum Trumps Entscheidung eine solch heftige Reaktion ausgelöst hat: So sagten Anfang des Jahres nur 17 Prozent der US-Amerikaner zu YouGov, die Werte ihres Landes seien mit denen des Islam vereinbar. Umgekehrt sahen sogar 36 Prozent einen “fundamentalen Konflikt” mit dem Islam; Folgen von 9/11 und Al-Kaida, dem “War on Terror” – und eben dem Islamischen Staat. Und nun lässt Trump die verbündeten Kurden im Stich lässt, begünstigt zudem ein Wiedererstarken des islamischen Terrors und spielt mit dem Leben von Christen und Verbündeten in der Region.

“Fox News”-Moderator, Ex-Gouverneur und Baptistenprediger Mike Huckabee kritisierte Trumps Entscheidung eben deshalb als großen Fehler: Die Kurden “waren treue Verbündete. Wir dürfen sie nicht zurücklassen.” Der einflussreiche christliche Lobbyist Travis Weber sagte, der Schritt werde zum Tod Tausender Menschen von religiösen Minderheiten führen, die bislang von den Kurden und den US-Soldaten beschützt worden seien: “Das könnte zum Wiedererstarken des IS und mehr Einfluss des Iran führen, was wiederum Israel und andere Verbündete in der Region bedroht.”

Die US-Soldaten und die Pufferzone in Nordsyrien galten als Schutzschild für die verbündeten Kurden, die den Kämpfern der Terrororganisation Islamischer Staat die Stirn geboten hatten und es noch immer tun. Die Türkei ihrerseits betrachten die Kurden als Terroristen. Erdogan will einen Teil des Nachbarlandes militärisch besetzen lassen und Hunderttausende syrische Flüchtlinge aus der Türkei dorthin abschieben. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) könnten nun ihrerseits Gefangenenlager auflösen und so Tausende gefangene IS-Kämpfer und deren Familien entlassen.

Tony Perkins von der US-Kommission für Religionsfreiheit schrieb: “Eine türkische Invasion ist eine große Bedrohung für die Kurden und Christen.” David Brody vom “Christian Broadcasting Network News” twitterte, die Regierung habe der evangelikalen Gemeinschaft einen “Tiefschlag versetzt”: “Die Kurden werden als lahme Enten zurückgelassen und eine große Anzahl religiöser Minderheiten könnten von Erdogan abgeschlachtet werden.”

“Präsident hat kein Rückgrat”

Trump hatte am Sonntag mit dem türkischen Präsidenten Recept Tayyip Erdogan telefoniert und ihm den Abzug zugesichert – weil dieser zuvor eine Invasion Nordsyriens angekündigt und zusätzliche türkische Truppen an der Grenze zusammengezogen hatte. Trump tat dies ohne Absprache mit dem US-Verteidigungsministerium, Nationalen Sicherheitsrat, Kongress oder jeglichen internationalen Verbündeten.

Das US-Militär zog geschätzt 230 Soldaten aus Schlüsselstellungen ab. Die geopolitischen Auswirkungen der Truppenverlegung könnten enorm sein. Insgesamt befinden sich 1000 US-Soldaten in Syrien. Falls die Türkei sich in den Kurdengebieten in Stellung bringe, sei das “eine Bedrohung für alle östlich des Euphrat, auch von Christen”, sagte der Vizevorsitzende der Assyrischen Einheitspartei, die sich für Christen in der Region einsetzt.

Das Verteidigungsministerium war “völlig baff” von der Entscheidung des Commander in Chief. Ein Mitglied des aus Ministern und anderen hochrangigen Regierungsmitgliedern bestehenden Nationalen Sicherheitsrats sagte “Newsweek”, Trump habe sich “abziehen lassen” von Erdogan: “Die nationale Sicherheit ist nun auf Jahrzehnte hin gefährdet, weil der Präsident kein Rückgrat hat.” Die Quelle hatte das Telefonat zwischen Trump und Erdogan mitgehört.

https://www.n-tv.de/politik/Trump-setzt-republikanische-Basis-in-Brand-article21319317.html

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