Peter Wohlleben: “Unsere Sinne sind auf Natur ausgerichtet und nicht auf Schreibtisch”

Herr Wohlleben, warum verspüren wir gerade jetzt den dringenden Wunsch, rauszugehen?

Weil wir das Defizit an Licht, Wärme und frischer Luft aus den vergangenen Monaten ausgleichen wollen. Im Winter sitzen wir am liebsten auf der Couch. Das hat evolutionär den Vorteil, dass der Körper wenig Energie verbraucht. Im Frühjahr fahren wir den Körper wieder hoch. Überall ist Aufbruchstimmung. Die Bäume treiben aus, die Fledermäuse wachen aus dem Winterschlaf auf, die Vögel beginnen zu brüten, die ersten Tierkinder werden geboren. Warum sollten wir die einzigen Wesen sein, die im Frühling nicht zu neuer Aktivität erwachen?

Was macht die Natur mit uns, wenn wir draußen sind?

Sie erdet uns. Unsere Sinne sind auf Natur ausgerichtet und nicht auf Schreibtisch, Computer, Tablet. In einer künstlichen Umgebung werden sie nicht vollständig genutzt, auch unser Geist ist im Alltag sehr einseitig ausgelastet. Das können wir draußen wieder geradebiegen. Deswegen empfinden wir einen kalten Lufthauch oder ein paar Regentropfen im Gesicht als erfrischend.

Wo finden wir Natur in ihrer ursprünglichen Vielfalt?

In Kulturlandschaften vor allem auf einer Wiese mit möglichst verschiedenen Blumen – je artenreicher, desto besser. Wir können aber auch in einen Stadtpark gehen, uns unter einen Baum legen und ausspannen, etwa im Tiergarten in Berlin, der sich über die Jahrhunderte einigermaßen unversehrt gehalten hat.

Natur und Stadt schließen sich also nicht aus.

Im Gegenteil. Es gibt zwar einen Grundpegel an Lärmbelastung, die Luft ist sehr trocken, dazu kommt die Feinstaubbelastung. Trotzdem können wir auch in der Stadt an Natur teilhaben. Die Artenvielfalt ist dort mittlerweile oft größer als in Agrarlandschaften. In Berlin zum Beispiel herrscht die höchste Habichtdichte der Welt. Für Vögel sind Häuser nur komisch geformte Felsen.

Wo erholen wir uns am besten?

Am Meer, in den Bergen und in alten Laubwäldern. Die gibt es überall, sogar in Großstädten. Wenn wir im Laubwald sind, nehmen wir teil an der chemischen Baumkommunikation, und unser Blutdruck sinkt. Das passiert unbewusst. Nadelbäume hingegen geben an heißen Tagen einen intensiven Geruch ab. Das ist Stresskommunikation, das tut uns nicht gut.

Sie sagen, der Laubwald ist unser Zuhause.

Weil unsere Gehirnentwicklung stark ans Feuer und die Zubereitung warmer Mahlzeiten gebunden ist, haben wir evolutionär eine enge Bindung an Holz und an Bäume. Deshalb fühlen wir uns auch so wohl, wenn wir aus den künstlichen Räumen, die uns im Alltag umgeben, in den Wald zurückkehren.

Was können wir von Bäumen lernen?

Absolute Entschleunigung und Solidarität. Bäume kooperieren über ihre Wurzeln, ihre Kindheit dauert 200 bis 300 Jahre. Die meisten Menschen schaffen es auch in der Natur nicht, einen Gang zurückzuschalten. Sie sehen den Wald nur als Kulisse, um Strecke zu machen und ein Fitnessprogramm zu absolvieren, mit einem genauen Zeitplan wie im Alltag. Deswegen begrüße ich das sogenannte Waldbaden sehr.

Das ist die japanische Tradition, in den Wald zu gehen und ihn in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Ja, wir können runterkommen, uns entspannen und schauen, was ist da überhaupt. Das können wir aber auch sehr schön von Kindern lernen. Wenn Erwachsene sie nicht zur Eile drängen, machen sie genau das: Sie toben sich im Wald erst mal aus, dann werden sie langsam und pulen oft stundenlang an toten Baumstämmen rum, auf denen Käfer rumkrabbeln.

Wie wirken sich Sonnenlicht und frische Luft auf unser Wohlbefinden aus?

Wir alle brauchen Wärme und leben eigentlich viel zu weit im Norden. Sonnenlicht wirkt stimmungsaufhellend, aufgrund seiner Infrarotwärme durchströmt den Körper ein intensives Wohlgefühl. Dazu kommen die Farben des Waldes. Man weiß, dass allein der Blick auf die Bäume zur Gesundung kranker Menschen beiträgt. Die Kombination aus frischer Luft, hellem Licht, Wärme, grüner Farbe – das ist das perfekte Wohlfühlpaket.

Und dann fängt es an zu regnen und zu stürmen.

Auch diese Reize tun uns gut. Viele zahlen einen Haufen Geld dafür, ans Meer zu fahren, weil das Wetter dort häufig besonders rau ist. Dabei können wir das genauso gut zu Hause erleben. Der erste Schritt ist immer der schwerste. Wenn wir uns jedoch darauf einlassen und uns wetterfest kleiden, sind schnell alle Bedenken verflogen. Nass muss keiner werden. Es geht nur darum, dass wir mal Regen und kühlen Wind ins Gesicht bekommen. Dann fühlen wir uns wie kleine Helden. Das hat etwas von einem Mikroabenteuer.

Wo gehen Sie persönlich am liebsten raus?

In Wälder, die so naturbelassen wie möglich sind. Die gibt es überall in Deutschland, leider nicht genug, aber daran kann man ja arbeiten. Besonders schön ist der Steigerwald in Bayern mit den dicken alten Buchen.

Was machen Sie, um draußen abzuschalten?

Bei Gartenarbeit wie Holzhacken oder Kartoffelsetzen kann ich mich vollkommen entspannen. Waldspaziergänge mit mir sind dagegen eher anstrengend, weil es mir schwerfällt, meinen professionellen Blick abzulegen. In einem fremden Wald schaue ich zuerst, was dort die Förster gemacht haben. Das ist oft nicht so schön.

Krumme Bäume im polnischen Wald

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