Wohnungsbaupolitik: Trotz Wohnungsnot werden in Wolfsburg Mietshäuser abgerissen. Und der Staat bezahlt

Krack! Der T-Rex beißt zu. Die ersten Brocken fallen zu Boden. Maulgerecht legt er sich das Stück noch mal vor und nimmt es zwischen die abgewetzten Zähne. Er rüttelt, knackt und malmt. Der Koloss lässt erst ab, als nur noch das Gerippe übrig ist. Dann wirft er es auf den großen Haufen zu den andern. Plonk!

Der Stahlsaurier ist ein 40 Tonnen schwerer CAT-Kettenbagger, seine Schnauze ein Pulverisierer mit eisernen Zähnen. Sein Opfer eine zweieinhalb Meter hohe und vier Meter breite Platte aus grauem Beton, zusammengehalten durch ein Skelett aus Stahl. “C25/30, brüllt Bernhard Gillig und zeigt auf die nächste Betonplatte: “Das ist vergleichsweise weich.” Gut für das Eisengebiss. Da hält es länger durch.

Autoboomstadt Wolfsburg

Der stämmige Mann winkt dem Baggerfahrer und ruft ihm etwas auf Rumänisch zu. Der Motor verstummt. Jetzt ist Gillig besser zu verstehen. Er spricht im Singsang der Siebenbürger Sachsen. Der 46-Jährige ist hier der Bauleiter, genauer der Abbauleiter. Der oberste Demolition Man.

Für die Abbruchfirma Linkamp hat er schon ganze Industriewerke in Schutt und Asche gelegt. Auf 450 Hektar, der Fläche von mehr als 300 Fußballfeldern, hat er 42 Bagger dirigiert. Hier sind nur 30 Leute im Einsatz. “Das ist eine kleine Baustelle.” Aber eine hochpolitische.

In der Großsiedlung Westhagen aus den 70er Jahren sollten ursprünglich 15.000 Menschen leben

In der Großsiedlung Westhagen aus den 70er Jahren sollten ursprünglich 15.000 Menschen leben

Die eben pulverisierte Platte war 46 Jahre die Außenwand einer Wohnung, einer von 205, Teil einer riesigen Betonburg mit 17 500 Quadratmeter Wohnfläche, gebaut mit den Fördermitteln des sozialen Wohnungsbaus. Der graue Block steht in einer Stadt, in der Wohnraum Mangelware ist: der Autoboomstadt Wolfsburg. Und doch wird jetzt alles plattgemacht, abermals subventioniert mit mehreren Millionen Euro. Was ist hier los?

Im Wolfsburger Stadtteil Westhagen lässt sich die Verrücktheit deutscher Wohnungsbaupolitik besichtigen. 50 Jahre Größenwahn, Missmanagement und Reparaturbetrieb. Wer über die A 39 nach Wolfsburg kommt, kann den Wohnblock schon von Weitem sehen. Er thront auf einem Hügel am Eingang der Stadt, 105 Meter über Normalnull. Der Bau wirkt so noch höher, als er mit seinen bis zu 14 Stockwerken und 42 Metern ist.

Trabantenstadt Westhagen

Die Trabantenstadt Westhagen wurde in den 60er Jahren entworfen und in den 70er Jahren hochgezogen, so wie die Großsiedlungen in Mümmelmannsberg in Hamburg oder Hasenbergl in München. “Urbanität durch Dichte” hieß das Motto der Planer. 15.000 Menschen sollten hier einmal leben, 9000 sind es heute. Die Kettenhäuser kennen keinen Anfang und kein Ende. Viel roher Beton, hoch gestapelt, gleichförmige Einheiten. Trotz bunter Farbakzente fällt die Orientierung schwer. Architekturkritiker nennen das wohl “Brutalismus”.

Zwei Monate vor dem Beginn des eigentlichen Abbruchs wartet Hans-Dieter Brand auf dem zugigen Marktplatz vor dem Häuserblock. Der Mann mit der schwarzen Nerdbrille hat seine Kamera dabei. Seit Längerem dokumentiert er die Veränderungen in Westhagen. Auf seinen düsteren Fotos sieht der Wohnturm fast nach Aleppo aus: schwarze Fensterhöhlen, geborstene Scheiben, geflickte Spanplatten.

Das Rentnerpaar Heidrun und Lothar Kruse in ihrem früheren Garten: Eigentlich wollten sie hier ihren Lebensabend verbringen

Das Rentnerpaar Heidrun und Lothar Kruse in ihrem früheren Garten: Eigentlich wollten sie hier ihren Lebensabend verbringen

Im Hauptberuf ist Hans-Dieter Brand Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Neuland. Sie hat die zum Teil lange leer stehende Immobilie 2015 gekauft. Seit mehr als zehn Jahren laufe ein Sanierungsprogramm für den Stadtteil, erzählt er. “Der Rückbau ist die letzte große Maßnahme.” Das Wort Abriss vermeidet er.

Billigbau statt Gartenstadt

Die Straßen hier sind nach Orten in der damaligen DDR benannt worden. Halle, Jena, Weimar. Der Problemblock hat die Hausnummern 14 bis 34 in der Dessauer Straße. Ausgerechnet Dessau. Die Gründer des Bauhauses propagierten dort vor hundert Jahren den Bau lichtdurchfluteter Gartenstädte für die Arbeiter, auch mithilfe vorgefertigter Teile. Was allzu oft von der Idee übrig blieb, ist in Westhagen zu besichtigen: industrieller Billigbau mit Platten.

Ein Lattenzaun umschließt den Komplex. Dahinter sieht es ziemlich normal aus – sogar das Schild “Fußballspielen verboten” hängt noch. Auf dem Hof stehen weiße Schuttcontainer mit dem Werbespruch “Wir holen das Beste raus!”. Je einer für Holz, Keramik und Elektroschrott. Der Fahrstuhl funktioniert. Aus dem siebten Stock hat man einen freien Blick über das erstaunlich grüne Wolfsburg. In der Ferne sind die vier roten Schornsteine des VW-Kraftwerks zu erkennen. Typisch für die Großsiedlungen der 70er Jahre war die strikte Trennung von Arbeiten und Wohnen. Heute gilt das als Irrweg.

Lego XXL: Per Kran werden die gelockerten Betonelemente abgelassen

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Die erste Wohnung rechts ist hell und groß, vier Zimmer, zwei Bäder. Es wirkt, als ob der Vormieter gestern ausgezogen sei. Sogar Klopapier ist noch da. Die weißen, schwarzen und grauen Fliesen des Toilettenfußbodens erinnern an ein Kreuzworträtsel. In Berlin-Mitte wäre das sicher hip. Klar, unverkleidete Heizungsrohre, vom Boden bis zur Decke, sind nicht gerade schön. Aber hier könnte man mit drei Eimern Alpinaweiß, zwei Rollen Teppichboden und einer Einbauküche von Ikea doch übermorgen einziehen – oder?

Verseucht mit Asbest und PCB

Die Baufachleute schütteln heftig den Kopf. Energetisch eine Katastrophe, in den Fugen stecke das Umweltgift PCB, in den Fußböden krebserregende Asbestfasern. Jede Wohnung muss abgedichtet und an einen Riesenstaubsauger angeschlossen werden, damit Arbeiter in Schutzkleidung die Bodenplatten abtragen können. Das Ergebnis: Sondermüll, tonnenweise.

“Im Zuge der Flüchtlingskrise wurden wir 2015 gefragt, ob man das Gebäude nicht nutzen kann”, erzählt Brand, “aber da sprach vieles dagegen: kaputte Technik, die Altlasten, mögliche soziale Probleme.” Das ist zurückhaltend formuliert.

Westhagen ist fast seit seiner Gründung ein sozialer Brennpunkt. Hier spürte man es, als in den 70er und 80er Jahren der Aufstieg von VW stoppte. Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogen, beinahe eine No-go-Area. Viele Geschäfte schlossen. Wer konnte, zog weg. 2002 standen im Stadtteil 20 Prozent der Wohnungen leer, im Block Dessauer Straße die Hälfte, in einzelnen Aufgängen mehr als 80 Prozent. Oder wie es SPD-Oberbürgermeister Klaus Mohrs bei einem Besuch hier gesagt hat: “Mit diesen Gebäuden haben wir die Großstadtprobleme nach Wolfsburg bekommen.”

Rückbau: Alle Wohnungen gen wurden erst entkernt und von Asbest befreit

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Selbst nach vielen Boomjahren bei VW beträgt die Arbeitslosigkeit acht Prozent – doppelt so viel wie im Wolfsburger Durchschnitt. Rund 40 Prozent der Kinder leben von Hartz IV. Zwei Drittel der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, jeder fünfte einen ausländischen Pass.

Hundert Meter Luftlinie vom Bauzaun entfernt steht Heidrun Kruse auf einem Balkon, der fast ganz hinter einer Wand roter Geranien verschwindet. Sie schüttelt energisch den Kopf. “Ich lebe gern hier”, ruft sie und bittet an den Terrassentisch mit weiß-grün geblümter Decke. “1977 sind wir hierhergezogen, mit vier Kindern”, erzählt die 69-Jährige. Sie zeigt auf den Kettenbau in der Dessauer Straße. “Zuerst in die Nummer 14, dann umgezogen in 16. Es war eine schöne Wohnung.”

1108,56 Mark je Quadratmeter

Viele Nationen hätten da unter einem Dach gelebt, Menschen aus Pakistan, der Türkei, Spätaussiedler aus Russland. “Die Nachbarschaft war gut”, sagt sie, “unser Problem, das war der Vermieter. Es hat sich doch nie jemand gekümmert.”

Sie verschwindet kurz und kommt mit einem Plastikordner wieder. In Klarsichthüllen ist alles dokumentiert. Die Mängel: undichte Fenster, Schimmel an den Wänden, Wassereinbrüche im Keller. Und der Kampf dagegen: Petitionen, Sanierungspläne und Zeitungsartikel über die Protestreisen der Mieter zuerst nach Hannover und später Berlin.

Neue Heimat, Baubecon, Okeanos, Pirelli, Arwobau, Berlinnovo. Die Liste der Eigentümer und Verwalter wirkt wie eine Zeitreise durch die Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik.

Neuland-Chef Hans-Dieter Brand kaufte den Block, um ihn abzureißen

Neuland-Chef Hans-Dieter Brand kaufte den Block, um ihn abzureißen

Errichtet hatte den Betonblock einst die Neue Heimat, die Wohnungsbaugesellschaft der Gewerkschaften, mit staatlicher Förderung versteht sich. 1982 enthüllte der “Spiegel”, wie sich die Manager dort selbst bedient hatten. Dann kam heraus, dass das Unternehmen überschuldet war. 1986 wollten die Gewerkschaften die marode Firma – einschließlich der Wohnung von Familie Kruse – für eine Mark an den Brotfabrikanten Horst Schiesser verscherbeln. Das ging schief. Am Ende kauften die Bundesländer und private Investoren die Immobilien – nur in Niedersachsen klappte das nicht. Erst 1999 schlugen die Gewerkschaften Restbestände los. Der Preis: 1108,56 Mark je Quadratmeter. Was billig klingt, sollte sich bald als teuer erweisen.

Bepflanzte Schubkarre

Erwerber war eine Firma aus dem Reich der staatlichen Bankgesellschaft Berlin. Sie packte die Wohnungen in einen Immobilienfonds und verkaufte sie an Tausende Kleinanleger, versehen mit einer Mietgarantie für 25 Jahre. Im Prospekt fand sich kein Wort von hohen Leerständen und Sanierungsstau. 2004 schätzte ein Wirtschaftsprüfer den für die Dessauer Straße nötigen Aufwand auf über 15 Millionen Euro – mehr als den Kaufpreis.

Was dann passierte, ging als Berliner Bankenskandal in die Geschichte ein: Das Land musste Milliarden an die Fondsanleger zurückzahlen. Die Steuerzahler wurden zum zweiten Mal zur Kasse gebeten. Nur für die Instandhaltung der Wohnung von Familie Kruse war immer noch kein einziger Euro geflossen.

Wohnungen in Wolfsburg werden trotz akuten Mangels abgerissen

“Es wurde nichts mehr repariert”, klagt Heidrun Kruse. 2016 habe es dann geheißen: “Ihr müsst raus!” Sie kramt drei Fotos hervor. “Wir hatten einen so schönen Garten!” Ehemann Lothar, heute 81, posiert dort auf dem grünen Rasen neben Springbrunnen und bepflanzter Schubkarre.

Mit dem Rollator macht er sich auf den kurzen Weg, um zu zeigen, was aus der alten Bleibe geworden ist. Traurig steht ein Eibisch im hohen Gras, die Wohnzimmerfenster sind zugenagelt. “Das war unsere Heimat”, sagt Lothar. “Wir wollten hier unseren Lebensabend verbringen”, sagt Heidrun, beide den Tränen nah.

Immer wieder zahlt der Staat

Die Kruses hatten auf eine Sanierung mit Teilrückbau gehofft. Zunächst hatte der Wohnungsverwalter des Landes Berlin Pläne dafür entwickelt. Doch dafür fehlte dann das Geld und wohl auch der Wille. Angesichts der Mietsituation in der Hauptstadt wären Investitionen im fernen Wolfsburg schwer vermittelbar gewesen. Der Immobilienmarkt hatte sich inzwischen gedreht, und das ehemalige Neue-Heimat-Paket sollte nun meistbietend an private Investoren verkauft werden. Dank gut gefüllter Stadtkasse konnte Wolfsburg 2015 sein Vorkaufsrecht geltend machen – über die städtische Gesellschaft Neuland. Zum dritten Mal floss nun also öffentliches Geld für die gleichen Wohnungen.

Über den neuen Eigentümer verliert Heidrun Kruse kein böses Wort. “Die Neuland hat uns top betreut.” Die Ersatzwohnung ist sogar behindertengerecht. Doch die Logik des Abrisses kann sie nicht verstehen. “Über drei Millionen Fördermittel für einen Abbruch”, empört sie sich, “das ist doch total verrückt.”

Miete, Kaution, Vertrag: Das müssen Sie zum Thema Wohnen wissen

Tatsächlich geht zum vierten Mal Steuergeld an die Dessauer Straße. 3,7 Millionen davon kommen von Bund und Land aus dem Programm “Soziale Stadt”. Auch der Abriss von Gebäuden sei “grundsätzlich förderfähig”, heißt es dazu aus dem zuständigen Bundesinnenministerium. Ziel sei es, städtebauliche und soziale Missstände zu reduzieren. “Genau darum geht es uns”, sagt Wolfsburgs erster Stadtrat Werner Borcherding, “zudem hat sich eine Modernisierung als vollkommen unwirtschaftlich er wiesen.” Allerdings gab es subventionierten Rückbau vor allem im wirtschaftsschwachen Ostdeutschland. Die Idee für Westhagen entstand vor mehr als zehn Jahren, als die Lage auf dem Wohnungsmarkt noch ganz anders war. In Wolfsburg ist die Leerstandsquote inzwischen auf 0,5 Prozent gesunken. “Erst wird runtergewirtschaftet, dann abgerissen”, kritisiert die Wohnungsbaupolitikerin der Linken, Caren Lay, “das mit Bundesmitteln zu fördern, ist nicht mehr zeitgemäß.”

In Westhagen sollen nun die Wunden des Brutalismus geheilt werden. Die Häuser sollen niedriger, die Wohnungen kleiner werden. Aber das wird noch Jahre dauern. Lothar Kruse, der einst als Baggerfahrer den Stadtteil mitgebaut hat, wird es von seinem Balkon aus genau beobachten.

Bauleiter Gillig steht inzwischen auf dem Dach des Blocks. Wo die Decken schon abgetragen sind, sieht es wie ein gewaltiges Puppenhaus aus. “Das ist eigentlich wie Lego hier”, erklärt er. Die Abrissbirne oder gar eine Sprengung kam wegen der Lage mitten im Stadtteil und wegen der Altlasten nicht infrage.

44.000 Tonnen Schutt

Noch vom Aufbau her hat jedes Element zwei Ösen. Per Funk wird der Kran dirigiert, ein Demag TC 600 mit einem 75-Meter Ausleger. Das Seil wird eingehakt und gespannt. Jetzt kann die Betonplatte nicht mehr umfallen oder abstürzen. Mit dem Stemmeisen lockern die rumänischen Arbeiter (“Alle fest angestellt!”) die Verbindungen und hauen den Mörtel raus. Sie haben eine Alpinisten-Ausbildung und sind mit Seilen gesichert.

Krrrrrr. Die Platte schwebt fast majestätisch am Stahlseil nach unten. Dort wird das Styropor abgehackt und abgeschabt. Jetzt gibt es frisches Futter für den Stahlsaurier. Die 205 Wohnungen wird er bis zum Sommer zu 44.000 Tonnen Schutt zermahlen haben.

Vorher-Nachher-Bilder: Engländerin gestaltet alten Bunker zu moderner Wohnung um

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